Dienstag, 9. Oktober 2007

Richard Wagner



Wagner ist eine der bedeutendsten Künstlergestalten des 19.Jahrhunderts. Seine Bühnenwerke, deren Komposition, Aufführung und theoretische Grundlegung sein Leben fast ausschließlich erfüllten, haben nicht nur die Geschichte der Oper zu seiner Zeit und weit darüber hinaus bis zu R.Strauss, C.Debussy und A.Berg wesentlich geprägt, sondern auch in der Literatur und Philosophie der Folgezeit deutliche Spuren hinterlassen (Nietzsche, T.Mann, E.Bloch, T.W. Adorno). Sein Kompositionsstil entwickelte sich kontinuierlich, v.a. in den Bereichen Melodik, Harmonik, Instrumentation, (leit-)motivische Strukturierung und Formdisposition, zu immer komplexeren Gestaltungen. Seine Musik, seine ästhetischen Ideen und sein Selbstverständnis als Künstler gewannen Einfluss auf Zeitgenossen und Nachfolger (A.Bruckner, H.Wolf, G.Mahler, H.Pfitzner) bis hinein in die Phase des Umbruchs zur Neuen Musik (A.Schönberg) und sind als Prototyp romantischer Kunstimagination noch in scharf formulierten Gegenpositionen aus späterer Zeit (Debussy, I.F. Strawinsky) als Kontrast und Hintergrund gegenwärtig.

Wagners Opernschaffen lässt sich in drei Perioden gliedern. In der ersten Periode übernahm er Formen und Gattungsmerkmale, die er bei seinen Zeitgenossen vorfand. Sein erstes Bühnenwerk, »Die Feen« (1834, nach C.Gozzi), ist eine romantische Oper etwa im Stil H.Marschners, die zweite Oper, »Das Liebesverbot« (1836, nach Shakespeares »Maß für Maß«), eine halb buffoneske, halb revolutionäre Adaption italienischer und französischer Vorbilder.

Die zweite Periode beginnt mit der in Paris entstandenen, in Dresden uraufgeführten Oper »Der fliegende Holländer« (1841). Wesentliche Elemente des späteren Schaffens treten schon hier bestimmend hervor: die stoffliche Grundlage der Sage, die ins Große und Dämonische tendierenden Figuren, die Idee der Erlösung durch eine über den Tod hinausreichende Liebe, ein dramatisch inspiriertes Gesangspathos, eine expressive Orchestersprache, die durch differenzierte Klangfarben und beziehungsreiche Motivverknüpfung in die Handlung integriert ist, und ein Bestreben, die traditionelle Nummernoper durch große, organisch verbundene Szenenbildungen zu überwinden. Im »Tannhäuser« (1845), dessen Sujet einer romantischen Sicht des deutschen Mittelalters entspringt, wird die Erlösungsidee antithetisch in die Spannung zwischen sinnlicher Verstrickung und reiner, frommer Liebe eingebunden. Kompositorisch verstärkt sich die Tendenz zu großräumiger Formbildung, spezifischer Klangcharakterisierung und individuellem Sprachmelos (etwa in der »Rom-Erzählung«). »Lohengrin« (1848), das letzte Werk dieser romantischen Schaffensperiode, greift ein Element der Gralssage auf und verbindet die Erlösungsidee mit dem Motiv der vertrauensvollen, fraglos unbedingten Hingabe und Liebe. Die weitgehend durchkomponierte Oper bildet eine unmittelbare Vorstufe zu den Musikdramen der dritten Schaffensperiode.

Es folgt eine Art schöpferischer Zäsur, die erste Zeit des Züricher Exils, in der Wagner, v.a. in der Schrift »Oper und Drama« (1851), ausgehend von einer Kritik des zeitgenössischen Opernwesens, seine Idee des Musikdramas kunsttheoretisch entwickelt. Er propagiert es (in Anlehnung an Gedanken der literarischen Romantik) als ein Gesamtkunstwerk, in dem die Einzelkünste, insbesondere Dichtung und Musik, sich gegenseitig befruchtend, zu einer übergreifenden Ganzheit verschmelzen. Stabreim und freie Metrik auf der einen Seite und eine nicht mehr an vorgegebenen Strukturen orientierte Melodik auf der anderen verbinden sich zur »dichterisch-musikalischen Periode«, die in freiem, prosaähnlichem Fluss nur der psychologisch-szenischen Situation verpflichtet ist. Der Gesang meidet Formmodelle wie Rezitativ und Arie, er wird zur dramatisch inspirierten »unendlichen Melodie«, getragen von einer tiefsinnig ausdeutenden, harmonisch differenzierten Textur des Orchesterapparates. Ein wesentliches, Form und Sinn konstituierendes Mittel ist hierbei das »Leitmotiv« der Begriff wurde von H.P. Freiherr von Wolzogen 1876 in die Wagner-Literatur eingebracht, Wagner selbst benutzte Ausdrücke wie »Grundthema« oder »Ahnungsmotiv« , das in Verbindung mit bestimmten Personen, Gegenständen, Gefühlen oder Handlungskonstellationen auftritt und durch Wiederholung, vielfache Veränderung, neue Beleuchtung und Verknüpfung mit anderen Motiven zu einem Medium feinster Beziehungen und überraschendster Deutungen des dramatischen Geschehens wird.

Mit der Arbeit am Zyklus »Der Ring des Nibelungen«, der diese Gedanken musikalisch realisiert, beginnt die dritte Schaffensperiode. Den Stoff entnahm Wagner der germanischen Götter- und Heldensage, doch werden deren Gestalten und Motive unter dem Einfluss anarchistisch-utopischer (P.J. Proudhon), revolutionärer (M.A. Bakunin), atheistischer (L.Feuerbach) und pessimistischer Zeitströmungen (A.Schopenhauer) aktualisiert und symbolisch verdichtet. Die hieraus entwickelte Konzeption, vier Opern riesenhaften Ausmaßes zyklisch zu verbinden (Wagner nennt es eine »Trilogie« mit einem »Vorspiel«), ergab sich erst allmählich aus der Einsicht, dass der ursprüngliche Entwurf »Siegfrieds Tod« (später »Götterdämmerung«) nur als Abschluss eines umgreifenden Geschehens mit allen seinen Voraussetzungen bis zum uranfänglichen Raub des Rheingoldes durch den Nibelungen Alberich dichterisch und musikalisch verständlich würde. So entstanden nach ersten Entwürfen aus dem Jahre 1848 zunächst bis Ende 1852 der gesamte Text, sodann die Komposition der Opern »Rheingold« (1853/54), »Walküre« (185456) und fast zweier Akte des »Siegfried« (1856/57), ehe die Arbeit nach langer Unterbrechung mit dem Schluss des »Siegfried« (186471) und der »Götterdämmerung« (186974) abgeschlossen wurde.

Während die Arbeit am »Ring« ruhte (seine schließliche Vollendung ist eng mit der Realisierung der Festspielidee verbunden, da vorher an eine adäquate Aufführung kaum zu denken war), schrieb Wagner zwei weitere Opern, die zwar den Prinzipien des Musikdramas ebenso folgen, sich jedoch stilistisch sowohl untereinander als auch von der Nibelungen-Trilogie deutlich unterscheiden. »Tristan und Isolde« (1859) ist ein in ungewöhnlichem Maße philosophisch und psychologisch inspiriertes Bühnenwerk. Frühromantische Vorstellungen einer Metaphysik der Nacht und des Todes etwa im Sinne von Novalis' »Hymnen an die Nacht« (1800) werden in ihm radikalisiert und in eigentümlicher Weise mit dem schopenhauerschen Grundgedanken der Verneinung des Willens zum Leben verbunden. Und auch dieser wird im Grunde umgedeutet zur Sehnsucht nach einer Zweisamkeit im Tode, nach einer von allem »Trug des Tages« befreiten Weltennacht der Liebe. Musikalisch ist »Tristan und Isolde« im Unterschied zum »Ring« durchgängig sinfonisch konzipiert. Statt aus deutlich abgrenzbarer Leitmotivik entwickelt sich der Orchestersatz als permanente Durchführung und unerschöpfliche Variation einer kompositorischen Uridee, die geprägt ist von totaler Chromatisierung und einer die Grenzen der Tonalität fast überschreitenden Alterationsharmonik, was bereits der Tristan-Akkord zu Anfang des Vorspiels exemplarisch zeigt.

»Die Meistersinger von Nürnberg« (1867) wirken demgegenüber plastischer, übersichtlicher, szenisch und musikalisch stärker gegliedert. Die Kunst des Übergangs, die feinnervige Orchestersprache der Tristan-Partitur fließt zwar als künstlerische Erfahrung ein, doch benutzt Wagner auch wieder geschlossenere Formgebilde (Preislied, Fliedermonolog), selbst Ensembles und Chöre, und stellt das ganze Werk auf eine tonal klarere, teilweise diatonisch flächige Harmonik. Die Handlung erwächst aus einer idealisierten Darstellung spätmittelalterlich-städtischen Bürgertums mit seiner zunftgebundenen, regulierten Kunstübung. Diese wird gewissermaßen von außen, durch den genialischen Ritter Walther von Stolzing, infrage gestellt und von innen her, durch den weltklugen Schuster und Poeten Hans Sachs, zu einer neuen künstlerischen Wahrhaftigkeit geführt. Stolzings schließlich errungene Singe-Meisterschaft, die Einbindung spontanen Schöpfertums in eine frei übernommene Kunstgesetzlichkeit, exemplifiziert Wagners eigene ästhetische Position. Zugleich vermittelt diese seine populärste Oper einen kräftigen Zug deutschnationalen Selbstgefühls, das der Gefahr einer Umdeutung im Sinne der Ideologie des Dritten Reichs allzu leicht erlag.

Eine letzte eindrucksvolle Stufe in Wagners musikdramatischem Schaffen bildet das Spätwerk »Parsifal« (1882), dessen sakrale Intention als »Bühnenweihfestspiel« und die ins Christliche gewendete Erlösungsidee allerdings von Anfang an am schärfsten von Nietzsche auch kritisiert wurden. Weihevolle Ruhe bildet die Grundtönung des Werkes, von der sich Verzweiflung und Leid, Sinnlichkeit und Sünde als erschütternde Kontraste abheben. Dem entspricht musikalisch die flächige Wirkung hymnischer Akkordik, weit gespannter melodischer Linien und, als Gegensatz hierzu, intensive Chromatik und Alterationsharmonik zur Darstellung des Heillosen und der Sehnsucht nach Erlösung. Aber auch die verführerische Sphäre Klingsors wird durch irisierende, chromatische Klanglichkeit symbolisiert, die Tristan-Reminiszenzen gewissermaßen ins Sinnlich-Abtrünnige verkehrt. Polyphone Durchzeichnung des Orchestersatzes und eine gelegentlich sehr herbe, funktional kaum noch deutbare Harmonik u.a. auch in langen, verhaltenen rezitativartigen Partien sind Merkmale eines Spätstils auch im Sinne der kompositorischen Entwicklung des 19.Jahrhunderts insgesamt. Ohne Beispiel in der Bühnenliteratur ist die doppelgesichtige Rolle der Büßerin und Verführerin Kundry, deren Gesangspart Extrembereiche vom Flüstern und Stammeln bis zum wilden Schrei berührt und dadurch nachhaltig auf spätere Opernkompositionen, z.B. bei R.Strauss (»Salome«, 1905) und A.Berg (»Wozzeck«, 1925), eingewirkt hat. (Bertelsmann)


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